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Streiflicht: JÖRG BRÜCKNER, Tenor

"Zufrieden darf ich mit mir nie sein, denn Selbstzufriedenheit wäre Stagnation und letzlich Rückschritt."

Der das sagt, ist schon ein gestandener Hauptrollensänger, der regelmäßig in so anspruchsvollen Partien wie Don José oder Prinz ("Rusalka") auftritt und diese ohne Einschränkung zum Ereignis macht. Der junge Tenor (aufgewachsen in Bayreuth und somit musikalisch vorbelastet...) hatte das Glück, immer zur richtigen Zeit den richtigen Menschen zu begegnen. So lernte er im Laufe seines Zivildienstes, den er als erzieherischer Betreuer beim Windsbacher Knabenchor ableistete, bei einer Probe mit Thomas Quasthoff dessen Lehrer kennen, die auch zu seinen Lehrern wurden: Bei Prof. Charlotte Lehmann, die ihn nach wie vor stimmlich betreut und berät, studierte er an der Hochschule für Musik in Würzburg Gesang und privat bei Dr. Ernst Huber-Contwig Musikkinästhesie, die seitdem die Grundlage zur Erarbeitung seines Repertoires darstellt. Während seines Studiums fuhr Brückner regelmäßig von Würzburg nach Wien, um auf einem Stehplatz für damals noch 20 Schilling die großen Staatsopernaufführungen mit den von ihm bewunderten Sängern live erleben zu können. Bereits während seines Studiums erhielt Jörg Brückner verschiedene Gastengagements in Coburg und im italienischen Meran, wo er den Tony in der "West Side Story" zwölf Mal in acht Tagen sang.

Weitere Wegweisende Begegnungen erfolgten bei seiner Mitwirkung an der Uraufführung der Oper "Kronprinz Friedrich" von Siegfried Matthus 1999 im brandenburgischen Rheinsberg: Rolf Reuter dirigierte, Götz Friedrich inszenierte. Beide wurden für ihn künstlerische Leitfiguren und väterliche Ratgeber. Entscheidend war für Jörg Brückner, dass Friedrich ihn im Mai 2000 für zwei Jahre als Stipendiat an die Deutsche Oper Berlin verpflichtete. Dort trat er in kleineren Partien u.a. in dessen Inszenierungen von "Tannhäuser", "Parsifal", "Luisa Miller" und "La Traviata" auf. In dieser Zeit erarbeitete er mit Reuter neue Partien, z.B. den Max im "Freischütz".

2002 holte Johannes Felsenstein den jungen hoffnungsvollen Tenor als Boris ("Katja Kabanova") an das Anhaltische Theater Dessau. Es folgten Hans ("Verkaufte Braut"), Herzog von Urbino ("Nacht in Venedig"), José und der "Rusalka"-Prinz. Jörg Brückner rechtfertigte dieses Vertrauen und sang sich schnell in die Herzen des Publikums. Sein José trug ihm eine Nominierung als Nachwuchssänger des Jahres im "Opernwelt"-Jahrbuch 2003 ein. Mit Felsenstein verbindet ihn gegenseitige künstlerische Achtung und persönliche Sympathie.  Beide verstehen sich szenisch inzwischen fast schon blind, haben ein hohes künstlerisches Ethos, Respekt vor dem Werk und einen unbedingten Einsatzwillen gemeinsam. Am Anhaltischen Theater wird er in für ihn sehr geeigneten Partien des Zwischenfachs behutsam aufgebaut und auch quantitativ nicht überfordert, sodass er nebenbei weiterhin im Konzertfach tätig sein kann (von den großen Vokalwerken Bachs bis zum Requiem von Andrew Lloyd Webber). Zuletzt folgte mit dem Sam in der Premiere von Kurt Weills (in Deutschland zu Unrecht vernachlässigter) später Broadway-Oper "Street-Scene" ein weiteres Rollendebüt. Spannend war dabei die andere, ihm bisher unbekannte Handschrift des amerikanischen Gastregisseurs Nicholas Muni (Künstlerischer Leiter des Opernhauses Cincinnati, USA).

Der Sänger möchte immer weiter an sich arbeiten, sein mimisch-gestisches Ausdrucksrepertoire vergrößern und vervollkommnen und sich weiterhin besonders für die musikalischen Zwischentöne der Partituren sensibilisieren.

Im lyrischen Fach möchte er öfter auftreten: Mozarts Tamino würde er gerne wieder singen, Belmonte, Ottavio und Ferrando, Lenski, auch gerne wieder den Fenton in den "Lustigen Weibern". In der nächsten Spielzeit stehen in Dessau im Rahmen des Verdi-Schiller-Zyklus´(alle vier Verdi-Opern auf stofflicher Vorlage Schillers) mit dem Karl Moor in den "Räubern" und dem Ferdinand in "Louise Miller" (man singt wie in Dessau üblich alle Opern deutsch und verwendet die original Schillerschen Rollennamen) zwei große, anspruchsvolle italienische Partien für ihn an, aber auch der Prinz im "Land des Lächelns". Vorher wird Jörg Brückner aber noch seinen ersten Dessauer Liederabend geben (19. 06. 04), bei dem u.a. Schumanns "Dichterliebe" auf dem Programm stehen wird.

Weiterhin viel Glück und Erfolg für diesen äußerst begabten, tüchtigen und besonnenen jungen Tenor, der es noch weit bringen kann, wenn er seinen eingeschlagenen Weg so konsequent und umsichtig wie bisher fortsetzt .        

Ivo Zöllner     


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